9 – Einzelzimmer

Heute fand er es ungewöhnlich, allein zu schlafen. In der letzten Woche waren John und er abends immer noch die Ereignisse des Tages – wenigstens die meisten – durchgegangen.
Zu Hause war es inzwischen die Ausnahme, dass er sein Zimmer nicht für sich hatte. Sein Bruder kam alle zwei Monate für ein Wochenende nach Walldorf. Dann musste er sein Zimmer mit ihm teilen. Was ja bis zu dessen Abitur eine Selbstverständlichkeit war. Damals hatten sie sich weit schlechter verstanden. Jetzt war er immer ganz gespannt auf die Besuche des „Studenten und großen Bruders aus der großen Stadt“. Das war alles sehr spannend, was der so zu erzählen hatte. Berichte aus der anderen Welt.
Na ja, und hier war es eben auch spannend, sich abends noch zu erzählen, was denn so alles losgewesen war tagsüber. Nach einigen Tagen hatte John auch nicht mehr gemauert in Bezug auf das, was er mit Carola erlebte. Wohl nicht alle intimen Details verriet er, aber schon „die großen Linien“. Nachdem er
seinem
Abenteuer mit Julia – mehr war es wirklich nicht, so viel war inzwischen klar – auf die Spur gekommen war, gab John seine Zurückhaltung auf. Schlafen taten die beiden wohl jeden Tag miteinander. Immer wenn sie sich verdrücken konnten. Meistens im Wald. „Da gibt es eine ganz bemerkenswerte Stelle, Benno. Ich erklär’ dir das bei Gelegenheit genauer.“ Das klang spannend. „Mit Musik.“ Das klang rätselhaft. Aber bisher hatte John noch keine Aufklärung gegeben.
Mit Julia hatte er gestern gesprochen. Sie wich ihm nicht aus. Und sie stellten ganz nüchtern und sachlich fest, das „Ereignis“ – so drückte sich Julia sehr distanziert aus – abzuhaken. Immerhin mehr als ein „Heuwender-Ereignis“, aber letztlich doch nur ein weiteres One-Hit-Wonder.
„Du, Benno, das war schön. Wirklich! Und ich habe das wirklich genossen! Sehr, sehr schön.“
Etwas zu viel Sahne, etwas zu viel Schmuh, etwas zu viel Honig. Und nicht zuletzt zu viele Worte. Das haute so nicht hin. Und im nächsten Satz kam’s dann auch schon.
„Aber ich habe mich inzwischen verliebt, Benno. Du wirst das ja vielleicht in den nächsten Tagen merken, in wen.“
Dann schaute sie ihn ganz vertrauensselig an. So wie am Donnerstag im Wald, als sie ihm die Fragen gestellt hatte, die immer schwindelerregendere Höhen erklommen hatten. Schlange.
„Ich erzähle nichts weiter. Das bleibt unser Geheimnis.“
Aha. Und was noch?
„Du auch nicht, Benno? Behältst du das auch für dich? Als unser Geheimnis, Benno?“
Und dabei sah sie ihn „ganz lieb“ an. Oder wie sollte er ihren Blick deuten?
Wobei ihm diese Fragen irgendwie bekannt vorkamen. Hatte Marie-Anne sich nicht ähnlich geäußert? Na gut, das bedeutete ja auf der anderen Seite – auf der Haben-Seite, buchhalterisch gesprochen –, dass da immerhin etwas vorgefallen war, was verschweigenswert war.
Oder auch nicht.
Auf ihre Frage – oder handelte es sich um eine Bitte? – hatte er nichts gesagt, sondern mehr so unbestimmte Kopfbewegungen gemacht. Die sie wohl als Zustimmung deutete. Was ja auch stimmte. Schließlich hatte nicht er John etwas erzählt, sondern
der
war durch scharfe Beobachtung winziger Details – Waldboden war das Stichwort – zur Diagnose „Beischlaf im Freien“ gekommen.
An dem Abend war er berauscht. Wie auf einer Wolke war er da unterwegs gewesen.
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Lovin’ Spoonful, Daydream, Feb66US: Wie geschaffen für einen Träumer – so fanden die Spoonful den Tag.
Die Lovin’ Spoonful, deren Song er den ganzen Abend gepfiffen und gesummt hatte, nachdem der auf AFN gelaufen war, hatten auch für seine Situation entsprechende Textzeilen parat. Und die Zeilen, die ihm den ganzen Abend durch den Kopf gerauscht waren, konnte man auch genau so verstehen, dass sie auf ihn
jetzt
passten. Die hatten da einen verdammt doppelbödigen Song geschrieben, John Sebastian und seine Jungs. Aber waren deshalb Tagträume schlecht? Oder unangemessen? Oder verboten? Wer sollte ihm die verbieten? Aber vielleicht sollte man doch wacher durch die Welt gehen, damit man nicht so auf die Schnauze fiel? So wie er in Bezug auf die Julia. Das stand nun mal fest. In der hatte er sich getäuscht. Hatte sie ihn getäuscht? Oder machte er sich die Dinge nur kommod, wenn er das jetzt so sah? Er als Opfer der falschen Schlange? Das war so wohl zu einfach. Daydreamin’ boy ja, sicher, vielleicht sogar häufig. Okay, okay! Aber wenn er sich die Entwicklung dieses „Ereignisses“ noch einmal vor Augen führte, hatte es doch jede Menge Anhaltspunkte gegeben, die ihn berechtigterweise „im guten Glauben“ hatten handeln lassen. Also gab es da jetzt nichts zu verdammen. Die Dinge waren eben, wie sie waren. So einfach war das. Fakten eben. Und doch eigentlich auch
schöne
Fakten. Er hatte am Donnerstagmorgen im Leben nicht damit gerechnet, dass er einige Stunden später mit der Julia Unterholz-Ereignisse würde feiern können. Das stand doch mal fest. Und wenn er gerecht war, musste er sich doch auch eingestehen, dass er die Julia bis zu dem Nachmittag überhaupt nicht beachtet hatte, ja, dass sie ihm schlicht nicht aufgefallen war.
Trotz
ihrer Größe.
Wegen
ihrer Größe? Also war er in ihrem Gespräch auch nicht so ganz ehrlich gewesen. Das konnte er sich an die eigene Brust heften. Vielleicht nicht als Vorwurf. Aber der Ehrlichkeit halber musste er das wohl wenigstens feststellen.
Tagträume waren trotzdem schön. Da gab es nichts. Und das war jetzt auch Fakt.
Am Freitag wurde ihm sehr schnell deutlich, dass das „Ereignis“ ein einmaliges bliebe. Sie war einfach zu zurückhaltend gewesen. Verliebt hatte sie sich ja vielleicht schon vorher. Nur dass sie dann als
Erfahrene
in dieses nächste Techtelmechtel gehen wollte. Oder so ähnlich. Dieser Verdacht war ihm ja schon während des „Ereignisses“ gekommen. Also doch Schlange?
Ein Knaller war’s trotzdem. Wenigstens für ihn. Aber ihre Beteuerungen, dass sie das alles auch toll fand, nahm er ihr nicht ab. Sie hatte ihn benutzt. Wenn man die Dinge mal sachlich-distanziert betrachtete. Vielleicht hatte sie in ihm den Tagträumer erkannt, den sie dann für ihre Zwecke nutzen konnte. Eine Frage blieb: Wieso – wenn sie sich denn schon vorher in jemand anderen verliebt hatte – wollte sie in diese von ihr angepeilte Beziehung
nicht
„unberührt“ gehen? Ihm fiel da noch immer kein besseres Wort ein. Ob er sie das noch einmal fragen sollte? Vielleicht – wenn er ihr denn in den nächsten Tagen auf die Spur gekommen wäre – im Beisein desjenigen, in den sie verliebt war? Das wäre natürlich der Hit. Oder nur billige Rache?
Für sich könnte er abschließend feststellen, dass das „Ereignis“ tatsächlich ein Knaller war. Und damit Schluss. Keine Rachegelüste. Kein Aufrechnen. Der Donnerstagnachmittag ragte ganz einfach heraus. Und zwar aus seinem ganzen bisherigen Leben. So einfach war das. Und dabei würde er es belassen.
Schluss.
Aus.
War schon ganz gut, dass er mal das Zimmer für sich hatte. Man kam in der Gruppe häufig nicht dazu, Distanz zu den „Ereignissen“ zu entwickeln. Ja, noch nicht einmal, wenn man nur zu zweit war.
Zu seinem Einzelzimmerglück war er heute durch ein Missgeschick Johns gekommen.
Johns Unglück fing damit an, dass er hilfsbereit sein wollte. Mareike servierte mit ihren Diensthabenden – da musste man immer richtig mithelfen, auch beim Kochen – das Mittagessen: Rouladen mit Kartoffelpüree und Rotkohl. Und mit wunderbarer brauner Sauce. Das Wasser lief ihm wieder im Munde zusammen, wenn er nur daran dachte. Saustark war das gewesen. Die Dame kochte sensationell. Der müssten sie zum Abschluss irgendwie eine besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihre Künste angemessen würdigte. Müsste er mal mit jemandem besprechen.
Das Mittagessen wurde also serviert. Und John wollte helfend eingreifen, als er sah, dass Hannah mit zwei Schüsseln Rouladen wohl überfordert war. Es sah so aus, als ob ihr gleich eine Schüssel aus der Hand rutschen würde. John sprang auf, rettete tatsächlich die Schüssel mit den wunderbaren Rouladen, so dass sie beide ihre Schüsseln fast gleichzeitig auf den Tisch stellen konnten. Keine Roulade war zu Schaden gekommen, kein Tropfen der köstlichen Sauce war verkleckert. So weit, so gut. Als John sich dann wieder hinsetzen wollte, verhakelte er sich irgendwie an einem Stuhlbein. Nichts Spektakuläres. Aber es reichte aus, dass er hinfiel. Auch gar nicht spektakulär. Er fing seinen Sturz sogar noch mit einer Hand ab. Sah alles nicht besonders gefährlich aus. War es dann aber doch. Auch wenn das noch gar nicht gleich klar war. Er aß, ohne dass etwas Besonderes zu bemerken war. Nach dem Essen klagte er dann über Schmerzen im rechten Unterschenkel. Und als Anders und Jensen – die hatten wohl einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert, aber vielleicht war das ja Voraussetzung, wenn man solche Veranstaltungen leitete – als also Anders und Jensen, nachdem John doch mehr oder weniger bekümmert am Tisch sitzen blieb, sich sein Bein etwas genauer anschauten, stellten sie sehr schnell fest, dass da wohl etwas gebrochen sein musste.
Der Ort hatte kein Krankenhaus. Der Krankenwagen wurde aus dem Nachbarort gerufen. Der Arzt, der Bereitschaftsdienst hatte, stellte sehr schnell – schon ohne Röntgenaufnahme – fest, dass der Unterschenkel wohl etwas komplizierter gebrochen war. Und er empfahl dringend die Einweisung in die Uni-Klinik in Heidelberg. Also machten sich John und Anders, als Begleitung, im Krankenwagen auf den Weg nach Heidelberg. Anders kam abends wieder und erzählte ihnen, dass das mit John doch alles nicht so schlimm sei. Glatter Bruch, der Arzt aus dem Nachbarort war wohl etwas zu vorsichtig gewesen. He hett vels to vel Stahoi maakt, wäre seiner Oma dazu sicher eingefallen. Aber immerhin wollte die Klinik John vorsichtshalber für eine Nacht dabehalten. Da sie morgen sowieso Heidelberg als Ziel hatten, würden Anders und Carola John von der Klinik abholen. Dann natürlich mit Krücken, aber ansonsten ohne weitere Probleme. Es war eben nur ein glatter Bruch.
So war er zu einer ruhigen Nacht gekommen. War ja auch nicht schlecht. Er hatte Zeit für sich gefunden. Und konnte nun ganz unbeschwert einschlafen. Keine störenden Atemgeräusche, kein Schnarchen, kein Herumwälzen im Bett. Es sei denn, er wälzte selbst.
Also alles sehr, sehr entspannt heute.
Darüber schlief er ein.
Wach wurde er durch ein helles Licht, einen Blitz. Im Traum war er gerade zu Fuß unterwegs gewesen. Die Landschaft sah nicht europäisch aus, eher orientalisch oder so. War hier Damaskus? Dass es dort auch geblitzt hatte, hatten sie doch in der Predigt gehört.
Verwirrt war er. Und verpennt. Di sünd de Bregen vertüdert, hatte seine Oma einmal gesagt, als sie seine Benommenheit nach dem Aufwachen bemerkt hatte.
„Benno, erschrick nicht! Ich bin’s. Manuela.“
Sie setzte sich auf die Bettkante.
Sie war’s wohl wirklich.
„Ich dachte, ich besuch’ dich mal. Sonst bist du doch heute Nacht so einsam.“
Er verstand gar nichts. Was wollte sie? War jetzt schon Morgen? Hatte er schon Geburtstag? Wieso hatte es geblitzt? Er hatte geträumt. Träumte er noch?
„Kann ich zu dir unter die Bettdecke kommen? Der Fußboden ist kalt. Ich habe kalte Füße.“
„Wo kommst du her? Was ist los? Wo ist John?“
„Mir ist kalt. Kann ich unter die Bettdecke kommen? John ist doch im Krankenhaus.“
Er war noch immer nicht ganz fit im Kopf, schlug aber seine Bettdecke zur Seite. Und war auf einmal nicht mehr allein in seinem Bett. Sie roch sehr gut, nicht nur verschwitzt. Verführerisch. Was sie wohl wollte? Etwas sehen konnte er noch immer nicht so recht. Obwohl die Vorhänge aufgezogen waren. Die hatte er doch gestern Abend zugezogen? Und was war das für ein Blitz gewesen?
„Hast du Angst? Gewittert es draußen? Geblitzt hat es eben doch schon.“
„Nicht so laut. Müssen ja nicht alle mitkriegen, dass du Besuch hast. Geblitzt hat es nicht. Das war ich. Ich habe dich fotografiert. Ich hatte meinen Fotoapparat dabei, und du sahst schlafend so süß aus.“
Klare Sache, Fotoapparat. Hatte man schließlich immer dabei. Natürlichste Sache der Welt. Was wunderte er sich?
Jetzt kuschelte sie sich an ihn, rieb ihre Füße an seinen Beinen warm. Die waren tatsächlich kalt. Langsam wurde er wach. Und er merkte, dass ihn das ganze Geschehen hier sehr aufregte. Aufregen war vielleicht noch nicht das richtige Wort. Und da wurde offensichtlich noch jemand wach. Viel schneller als er.
Wat’n Tostand, hätte seine Oma jetzt bestimmt gesagt. Obwohl er sich nicht ganz sicher war, was sie zu diesem doch sehr speziellen Zustand sagen würde. Sexualität hatten sie – bei aller Offenheit ihres Verhältnisses – doch nie zum Thema gehabt. Andererseits: Seine Großmutter war hochschwanger in die Ehe gegangen. Schwanger mit seiner Mutter, die dann sozusagen eine „Frühgeburt“ wurde.
Aber er müsste sich jetzt auf andere Dinge konzentrieren.
Dinge
war gut!
„Bevor wir loslegen, mit wem hast du es in dieser Woche schon gehabt?“
Dolles Tempo. Sollte das jetzt eine heitere Rate- und Quizstunde werden? Was hatte sie vor? Inzwischen hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Die geöffneten Vorhänge waren schon in Ordnung. Heute war Vollmond, und der schien direkt ins Zimmer.
Sie nahm seine Hand und führte sie zu ihrem Slip. Und ließ sie dann dort liegen. Sollte er jetzt aktiv werden? Aber da war auch noch ihre Frage.
„Einmal, Manuela. Aber ich sage nicht, mit wem. Einverstanden? Und du?“
Er begann den kleinen Hügel zu streicheln, der deutlich unter ihrem Slip zu fühlen war.
Sie knurrte.
„Zweimal, Benno. Also zwei zu eins für mich. Und du schaffst heute Abend nicht den Ausgleich. So sehr du dich auch anstrengst.“
Das konnte gefährlich werden, wenn ihnen jemand auf die Schliche käme. Die Türen in diesem Haus ließen sich nicht abschließen. Leider.
„Und ich sage auch nicht, mit wem. Aber du kennst die beiden.“
Jetzt legte sie ihre Hand auf seinen Slip. An sensibler Stelle. Und dort waren die Dinge nicht mehr ganz eben.
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Turtles, She’d Rather Be With Me, May67US: HowardMarkJohnAlJimundJim singen Benno hier aus der Seele, dass nämlich einige Mädchen es lieben, sich herumzutreiben. Und nicht nur das. An dem, was sie sehen, fummeln sie auch gerne herum. So wie gerade jetzt. Gottsverdori! würde Bennos Oma bestimmt sagen. Das ‘G’ natürlich angelitersch gesprochen.
Wieso kamen ihm die Turtles in den Sinn? Die Musik passte allerdings. Der Beat auch. „Thundering big-bash beat“ hatten die NME-Leute das genannt, um dann noch anzufügen: „it’s infectious and it’s fun,
an irresistable jaunty rhythm
“.
NME, June 3, 1967, No. 1064, S. 4
Stimmte. Aber was ihm jetzt alles einfiel? Er müsste sich doch auf etwas ganz Anderes konzentrieren. So schien es wenigstens.
„Manuela, wir müssen leise sein. Kannst du das?“
„Klar. Von mir hörst du keinen Mucks mehr.“
Sie hob drei Finger zum Schwur. Konnte er schon erkennen im Mondlicht. Sie fuhr dann mit ihrer Hand unter seinen Slip, zerrte etwas und schob ihn in Richtung Knie.
Was sie da jetzt vorhatten – er ging mal davon aus,
dass
sie da etwas vorhatten –, konnte man davon nicht Kinder bekommen? Sozusagen die eindeutig sicherste Methode, soweit er das beurteilen konnte. Ein Gedanke, der ihn schon nach dem Julia-Ereignis bewegt hatte. Aber eben erst
nach
dem Ereignis. Dieser Gedanke zeigte sofort Wirkung. Die auch Manuela mitbekam.
„Was ist los? Bin ich nicht aufregend genug für dich? Was soll ich machen? Was hat die Andere gemacht? Mit der hat es ja offensichtlich geklappt. Oder ist dein Spezi einfach noch etwas müde?“
„Nee. Aber mir schoss gerade durch den Kopf, dass das irgendwie gefährlich ist, was wir da vorhaben.“
„Was haben wir denn vor?“
Wollte sie ihn jetzt verführen? Oder nur
vor
führen?
„Na, ich denke, wir wollen vielleicht miteinander schlafen?“
„Nee, ficken will ich. Einmal alle Sicherungen durchbrennen lassen. Was hältst du davon?“
„Klingt scharf, aber sollten wir nicht darauf achten, dass das keine Folgen hat? Ich meine so in neun Monaten?“
Er sah sie an. Er konnte sehen, dass sie lachte. Und sie beugte sich aus dem Bett und kramte dort herum. Und ihre Hand kam mit einem kleinen Briefchen zurück. Die Dinger kannte er. Aber er hatte sie noch nie eingesetzt. Im Ernstfall.
„So, nun entspann’ dich mal.“
Es knisterte, ein reißendes Geräusch. Die Plastikhülle ließ sie neben das Bett fallen.
„So, nun ganz sachte. Mal sehen, ob’s klappt. Die Dinger sind mitunter tückisch und glitschen einem weg.“
Und zu sich: „Also aufmerksam.“
Sie beugte sich über ihn, in der einen Hand – zwischen Daumen und Zeigefinger – die Tüte, und mit der anderen Hand nahm sie den schon wieder ganz Agilen. Sie hatte Übung. Es bedurfte nur weniger Sekunden ihrer Berührung, und sie konnte die Tüte den Vorschriften gemäß abrollen. Und sie wären wohl sicher. Hoffte er mal. Die Pille nahm sie also nicht. Ob sie viele Tüten mit auf diese Freizeit genommen hatte? Oder ob sie die erst hier gekauft hatte? Ob sie jetzt nur
eine
Tüte dabei hatte?
„Manuela, die Matratzen sind nicht ganz ruhig. Wir müssen behutsam mit ihnen umgehen.“
„Alles klar. Wir werden uns ganz langsam bewegen. Dann hat man sowieso mehr davon. Aber das weißt du ja alles.“
Er drehte sich jetzt um, hockte sich auf die Knie, sie streckte ihre Beine hoch und zog ihren Slip aus. Inzwischen hatten sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt.
Als alles passte, knurrte sie wieder, und auch er konnte ein kurzes Brummen nicht unterdrücken. Dann blieben sie erst einmal ganz ruhig liegen. Bis sie anfing, ganz sachte ihr Becken zu bewegen.
Für die Zeit hatte er kein Gefühl. Wann war sie ins Zimmer gekommen? Vor fünf, zehn, fünfzehn Minuten? Wie lange bewegten sie sich schon so? Eine Ewigkeit. Er merkte, dass selbst diese langsame Methode ihn so aufregte, dass er sich nicht mehr lange beherrschen könnte.
Aber warum auch?
Sie wollte, wie sie sagte, ficken.
Er auch.
Also was gab’s da noch groß zu bedenken?
Gedanken störten nur.
Fallen lassen.
Nicht nachdenken.
Die Welt war seine.
Manuela war jetzt seine.
Etwas lauter wurde er dann.
Auf Manuela nahm er keine Rücksicht, sondern legte sich erschöpft auf sie.
„War’s gut für dich?“
„Ja, Manuela, ja. Und noch mal ja.“
Er biss ihr ins Ohrläppchen. Rachegedanken?
„Schön für dich. Aber ich bin noch nicht fertig. Also, mein Lieber, erhol’ dich! Schnell! Und dann kommt die zweite Halbzeit.
Meine
Halbzeit. Ich habe da noch so einen Pariser.“
Mit der linken Hand langte sie aus dem Bett und fand wohl auf dem Fußboden, was sie suchte. Präpariert war sie also. Neues Briefchen und eine Packung Tempos.
„Dann wollen wir mal Nummer eins abstreifen.“
Womit sie zur Tat schritt.
„Da ist aber fix was gekommen. Das letzte Mal war wohl schon einen Augenblick her?“
Sie packte die Tüte in ein Taschentuch, nahm ein zweites und wischte seinen Spezi ab. Das war doch ihr Begriff gewesen?
„Weißt du, sonst rutscht der nächste Pariser sofort ab. Aber das weißt du als Fachmann natürlich.“ Auch dieses Taschentuch legte sie neben das Bett auf den Fußboden und machte sich sofort wieder an ihm zu schaffen. Erstaunlicherweise war da schon wieder Bereitschaft zu erkennen. Briefchen aufreißen, Tüte mit spitzen Fingern entnehmen, Tüte abrollen, fertig. Sie war Profi.
„So, Runde zwei. Bisher die Pflicht, jetzt die Kür, die Runde für mich. Streng’ dich an. Lass’ alle Sicherungen durchbrennen!“ Sie lachte. „Aber leise!“
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Turtles, s.o.: Die Turtles sind hier nicht ganz auf dem Laufenden, wenn sie meinen, dass
sie
lieber mit
ihm
zusammen
wäre
– sie
ist
ja gerade mit ihm zusammen. Also: alles gut geheim gehalten bisher! Nicht nur die Turtles wissen nicht Bescheid, hoffentlich das ganze Haus auch nicht.
War wirklich die passende Musik. „It’s infectious and it’s fun.“ Schade, dass hier kein Radio stand.
Er hielt länger durch.
Manuela auch.
Und sie veränderte sich irgendwie.
Hoffentlich war draußen nichts zu hören.
Sie roch verführerisch.
Wie wunderbar.
Heute umarmte ihn die Welt.
War er auch so laut?
Singen müsste er.
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Turtles, s.o.: Benno singt – allerdings leise – den ersten Vers des Chorus. Obwohl hier eher ein lauter und stimmgewaltiger Tenor gefragt wäre. Bennos Oma würde wohl in folgender Weise übersetzen: „Jungedi un dammi noch mal to! Heff ick en Sott vundaag!“.
Draußen noch Ruhe.
Immerhin.
Sie sah ihn ganz ernst an.
Konnte er ihr trauen?
Hatte er schon Geburtstag?
Was für ein Tag!
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Turtles, s.o.: Benno ist jetzt lautmalerisch unterwegs. Und natürlich wieder leise. Nämlich mit dem zweiten und dem ersten Buchstaben des Alphabets, so wie die Turtles es in der Bridge auch machen, in der sie dann auch noch die Tonart wechseln. Einen Halbtonschritt höher geht es dort weiter. Mindestens mit einem Halbtonschritt höher geht es bei Manuela und Benno weiter.
Glückspilz, der er heute war.
Sie war jetzt ganz anders.
Mondlichtperlen auf ihren Wangen.
Die Manuela.
Jetzt doch zu laut.
Er auch.
Eine Oktave tiefer.
Oder zwei.
Dann Ruhe.
Alles ruhig.
Draußen auch?
Ja, Ruhe.
Überall.
Der Staub tanzte noch.
Und der Mond glänzte.
Der war voll.
Besah sich ihr Lager.
Sie waren jetzt beide ruhig.
Sagten nichts.
Atmeten schwer.
Auch der Mond schwieg.
Hatte Zeit.
Den trieb ja keiner.
Fahl und gelb und kalt sein Licht.
Aber er glänzte.
Nee, der strahlte sogar.
Keine Frage.
Aber der hatte ja auch wirklich Zeit.
Den trieb doch tatsächlich niemand.
Höchstens Newton und Einstein und so.
Aber ansonsten war der doch autonom?
Oder wie hieß das?
Aber sein Licht war schon scharf.
Was der sich so alles ansehen musste?
„Benno, das war der beste Fick ...“
Auch das hörte der Mond.
Was der so alles zu hören bekam?
„... den ich hier gehabt habe ...“
Guter alter Mond.
„... bisher, Benno.“
Draußen auf dem Flur war es auch noch immer still.
Bisher
, Benno!“
Niemand war wach geworden.
So schien es.
Bisher.
Na, immerhin.
Sonst müssten sie morgen früh abreisen.
Wäre sicher die Konsequenz.
„Manuela, meine Sicherungen sind alle durchgebrannt.“
Er umarmte sie.
Und summte die Turtles-Refrain-Melodie.
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.
Turtles, s.o.: Eine Wiederholung, also Bennos Oma würde das textlich in leichter Abwandlung in etwa so fassen: „Dammi ok, ick heff Sott vundaag, wiss un waraftig!“
„Aber das sollten sie ja, nicht wahr?“
„Genau, Benno. Turn on, tune in, and drop out.“
Recht hatte sie.
Das war deutlich eine Nummer besser als „das Ereignis“ mit der Julia.
Oder zwei.
Oder drei?
Auf jeden Fall
deutlich.
Nee:
deutlichst!
Sie war schon wieder dabei, die verbrauchte Tüte einzuwickeln.
Die ließ sie neben das Bett auf den Fußboden fallen.
Und von dort holte sie dann ein neues Briefchen.
Bevor sie das entrollte, ließ sie etwas Zeit verstreichen.
Atem und Puls wurden ruhiger.
Auch der Mond hatte keine Eile.
Dem war, so schien es, alles recht, was dort unten geschah.
Der war abgeklärt. Hartgesotten, könnte man das nennen.
Was der wohl alles erzählen könnte? Wenn man ihn denn mal ließe?
Wahrscheinlich immer das Gleiche.
Nee, das waren jetzt keine guten Gedanken.
Aber dann war Manuela schon wieder erfolgreich.
Die nächste Runde.
Ficken wollte sie.
Er auch. Glückspilz, der er heute war.
Auch wenn es ihm widerstrebte, was sie dort trieben, so zu nennen.
Also fickten sie.
Jetzt dauerte es noch länger, und sie schafften es wieder.
Eine Ewigkeit.
Bis sie in ihr Zimmer zurückging, brannten die letzten Sicherungen durch.
Auch alle Notsicherungen.
Sozusagen.
Die hielten dem Ernstfall einfach nicht stand.
Morgen müsste er darauf achten, die Tempos zu beseitigen.
Hier gab es kein Moos.
Und kein Reisig.
Manuela war, wie ihm ja sofort aufgefallen war,
sehr speziell.
Eindeutig ein heißer Feger.
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Turtles, s.o.: Auch das eine Wiederholung. Allerdings haben die Turtles hier auch gerade wieder nicht so recht den Durchblick mit ihrer konjunktivischen Formulierung. Manuela
ist
bei Benno – jetzt allerdings
gewesen
.
Aber war sie sein Girl?
Egal!
Auf jeden Fall lag er genau in der Flugbahn dieses flatterhaften Wesens.
Zum wiederholten Mal.
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Turtles, s.o.: „Wiss un waraftig ...“ uswuswusw.
Er drehte seinen Kopf ins Kopfkissen.
Und auch da roch es jetzt
irgendwie sexuell.
Ganz deutlich.
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Turtles, s.o.: Und ein letztes Mal Bennos Oma: „Jungedi un dammi noch mal to un ohaueha!“ – mit dem angeliterschen ‘e’. Man möchte meinen, auf Platt wäre der Song auch nicht schlecht. Das gilt mindestens für den Refrain.
Wat harr he för'n Sott vundaag!